Sonja Wenzel
Es ist eine „nicht abbrechende Nachfrage“ nach professioneller Unterstützung, es sind tausende Lebensgeschichten, vielfältig, bewegt und oft bewegend, komplex und immer wieder anders: Das Psychologische Beratungszentrum im Diakonischen Werk Husum – kurz PBZ – wurde vor nunmehr 60 Jahren aus der Taufe gehoben und ist damit die älteste Einrichtung des Diakonischen Werks Husum. Anlässlich dieses Ereignisses gab es eine kleine Feier. Seit sechs Jahrzehnten begleiten Mitarbeitende in „fachlicher Tiefe“, ausdifferenziert und mit „Multiprofessionalität“ Kinder und Jugendliche sowie ihren Eltern. Sie geben ihnen Halt und Orientierung und zeigen neue Wege auf. Sie hören zu, flankieren und unterstützen mit Herzblut und Engagement, sagte Jens Grehm, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Husum in seiner Ansprache vor geladenen Gästen. Die Devise „jede und jeder kann das PBZ aufsuchen“ gilt heute immer noch, wenn nicht sogar mehr denn je: Unabhängig von Problemstellung, Lebenshintergrund oder Glaubenszugehörigkeit. Das Team sei nicht nur offen für Herausforderungen und neue gesellschaftliche Entwicklungen, sondern pflege im eigenen Austausch auch eine „Kultur des Miteinanders“ in einem stabilen Netzwerk. Die Zahlen sprechen Bände: Der Bedarf an Erziehungs- und Lebensberatung im Jahre 1970 umfasste 125 Beratungs-„Fälle“. Aktuelle Zahlen zeigen rund 2.400 erreichte Menschen pro Jahr.
Stephanie Zimmermann, Regionalleiterin Mitte im Fachbereich Jugend, Familie und Bildung des Kreises Nordfriesland, bezeichnete das PBZ als „Leuchtturm, der Licht spendet, wenn Menschen nicht weiterwissen“. Ein Stückweit begleitet diese Einrichtung Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien – in guter Kooperation zwischen DW und Jugendamt mit allen Chancen und Herausforderungen; mitunter zwar von verschiedenen Standpunkten aus, doch stets mit denselben Zielen. Sie dankte den Mitarbeitenden für „Haltung, Verlässlichkeit und Expertise“ und wünschte „tragfähige Wege“.
Persönliche Krisen, Schulabsentismus, Trennung, Scheidung oder Erziehungsfragen – dies alles sind Sachverhalte, die Familien an die Grenzen der Belastbarkeit bringen können. Es gibt aber Auswege, denn: „Oftmals regen kleine Impulse zu großen Veränderungen an“, sagten Valeska Greve, Leiterin des Geschäftsbereichs „Beratung und Therapie“ sowie Peter Stoffers, Leiter des Psychologischen Beratungszentrums. „Wer den ersten Schritt tut und uns ratsuchend aufsucht, ist im Idealfall in der Lage, anschließend selbstständig voranzukommen.“ Familienrealitäten und -strukturen seien im Laufe der Zeit teilweise kniffelig und verwickelt geworden, ebenso wie die psychiatrischen Themen – doch wenn es Eltern gelinge, haltbare Vorgaben in vernünftigen Rahmenbedingungen aufzuzeigen, sei dies der richtige Schritt, um verlässliche Bindungen und Beziehungen zu ihren Kindern aufzubauen.
„Kinder wachsen heute in einer anderen Welt auf. Das hinterlässt Spuren“, so Pastor Leif Mennrich vom Kirchenkreis Nordfriesland in seiner Andacht. „Menschen haben Lasten zu tragen, doch niemand muss diese allein schultern, und niemand darf an seiner Verantwortung zerbrechen.“ Hinschauen, zuhören und mit fundiertem Wissen beim Lastentragen helfen: das sei das Herzstück der Beratung, die neue Wege ermögliche – nicht spektakulär, aber wirksam.
Großes Interesse erregte der Sachvortrag von Christine le Coutre, Diplom-Psychologin und Leiterin der Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Schleswig und Süderbrarup und Mitglied im Vorstand der bke (Bundeskonferenz für Erziehungsberatung). Das Thema lautete „Erziehungsberatung – einfach und besonders“. Die Ansätze zur Erziehungsberatung gibt es seit 120 Jahren. Denn im Jahre 1906 wurde in Berlin die „Medico-pädagogische Poliklinik für Kinderforschung“ gegründet. Sie gilt als Vorläuferin der heutigen Erziehungsberatungsstellen in Deutschland. „Die Nachfrage nach Erziehungsberatung steigt bundesweit kontinuierlich. Sie soll freiwillig, ohne Druck von außen, niedrigschwellig und ohne Antragswesen geschehen und so lange dauern, wie die Familien sie brauchen“, sagte sie. Daneben sei dies eine kostengünstige Hilfe zur Erziehung, denn sie spare frühzeitig Geld in weitergehenden Hilfesystemen. Wenn Probleme erkannt und behoben werden, schaffe dies psychische Gesundheit und ein gutes Umfeld für Kinder. Doch es brauche dafür eine ausreichende personelle Ausstattung, sowie Unabhängigkeit mit stabilen Vernetzungen und passende, spezielle Qualifikationen: Dann sei dies eine „gewinnbringende Arbeit für die Gesellschaft“, für die es sich lohne, „Mut und Zuversicht“ zu bewahren.


