Sonja Wenzel

Leuchtend blaue Jacken mit der rückwärtigen Aufschrift „nächste Hilfe Bahnhofsmission“ sind das Markenzeichen aller Mitarbeitenden der rund 100 Bahnhofsmissionen in Deutschland. Und so kam es nicht von ungefähr, dass beim kürzlichen Gottesdienst in der Husumer Marienkirche anlässlich des Tags der Bahnhofsmission besonders viele blaue Jacken zu sehen waren: Getragen wurden sie von jenen  Frauen und Männern, die sich haupt- oder ehrenamtlich für Menschen einsetzen, denen – aus welchen Gründen auch immer – nicht viel mehr geblieben ist als buchstäblich „das letzte Hemd“. Bezeichnenderweise war es „Misericordias Domini“ (lat. „Barmherzigkeit des Herrn“, Anm. d. Autorin), der zweite Sonntag nach Ostern, der so genannte „Sonntag des Guten Hirten“, an dem mit einem Gottesdienst und einem anschließenden kleinen Fest die Aufgaben der Bahnhofsmission in den Fokus gerückt wurden. Ute Petersen, die seit einigen Jahren die im Diakonischen Werk Husum angesiedelte Bahnhofsmission leitet, machte mit beeindruckenden Zahlen deutlich, wie wichtig diese unbürokratische, zwischenmenschliche Arbeit ist: „In unserer Küche wurden im vergangenen Jahr 45.000 Mahlzeiten ausgegeben, fast 300 Mal haben Menschen bei uns übernachtet. Rund 11.000 Mal gab es Kontakte zwischen Auskunfts- und Ratsuchenden und den Mitarbeitenden der Bahnhofsmission, davon rund 8.000 Mal am Bahnsteig.“

Gegründet wurde die erste Bahnhofsmission im ausgehenden 19. Jahrhundert von Pastor Johannes Burckhardt in Berlin, um jungen Frauen vom Lande, die in der Großstadt Arbeit suchten, Rat und Hilfe zu gewähren. In Husum wurde die Bahnhofsmission im Jahre 1937 gegründet. „Wer hungrig oder durstig ist, wer Beratung oder eine geschützte Übernachtung braucht, kann sich an uns wenden“, brachte es Ute Petersen auf den Punkt. Für alle Mitarbeitenden, gleichgültig ob haupt- oder ehrenamtlich, ist die Tätigkeit in der Bahnhofsmission „mehr als nur ein Job“: Für Renate Lunks, seit zwei Jahren Hauswirtschafterin, ist jeder Tag anders: „Wir geben unseren Gästen einen strukturierten Alltag und sind gern für sie da“, sagte sie und verwies auf die regelmäßigen Mahlzeiten, die umfassenden Hygienemöglichkeiten, den Raum der Stille sowie die Yogalehrerin und die Friseurin, die das Angebot aufwerten und regelmäßig und ehrenamtlich über die notwendige Versorgung hinaus tätig sind. Auch Gabriele Dreßler, die aus einer christlich ausgerichteten Familie stammt und seit einiger Zeit bei der Küchenarbeit unterstützt, schätzt die freundliche Atmosphäre „mit viel Lachen und guter Zusammenarbeit“, kannte aber schon aus ihrer Kinderzeit die Umsteigehilfen der Bahnhofsmission, wenn es auf Ferienfahrten ging. Horst-Dieter Magnussen, seit zwei Jahren ehrenamtlich im Bahnsteigdienst, empfindet bei seiner Arbeit „ein Gefühl von Ruhe und Frieden, von Geborgenheit und Zuhause“.

Mitunter brauche man „einen Haltepunkt im Leben“, gleichgültig, ob mit oder ohne Ziel, ob mit großem oder kleinem Seelengepäck, sagte Pastorin Katja Kretschmar in ihrer Andacht. So sei zwar der Bahnhof ein „Ort des Dazwischenseins“, doch zeige sich immer wieder, dass Menschen nicht nur Fahrpläne und nüchterne Übersicht, sondern auch „Lächeln, Stimmen und Menschlichkeit“ brauchen, um sich in der Gemeinschaft des Lebens zurechtzufinden. So lege auch Jesus die Menschen nicht auf „Versagen“ fest, nicht auf eine Leistung oder ein Ziel, sondern gebe Halt und einen guten, soliden Auftrag, passend zum Hirtensonntag: „Weide meine Schafe.“ So stehe auch die Bahnhofsmission den Einsamen, den Überforderten, den Gestrandeten zur Seite – auf Augenhöhe und stets zuverlässig in blauen Jacken.

Renate Lunks und ihr Team hatten bei der anschließenden, zwanglosen Zusammenkunft in der Bahnhofsmission reichlich Verpflegung vorbereitet. Viele Gäste nutzten die Gelegenheit, die Räumlichkeiten zu besichtigen. Jens Lösche, Vorstandsmitglied des Fördervereins „Freundeskreis der Bahnhofsmission“, grillte charmant und sachkundig Würste – auch das gehört zum „Heimatgefühl am Bahnhof“.

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