Sonja Wenzel
Ein Tag in einer kleinen Küstenstadt, die einst ein regionales „Tor in die große, weite Welt“ war – und es auf eigene Weise immer noch ist; Menschen bewegen sich in dieser Stadt. Sie gehen durch den Tag mit ihren Wünschen, Träumen und Hoffnungen; von einer Nacht zur nächsten. Was bewegt aber junge Menschen zwischen Morgendämmerung und Nacht? Sind sie vom „normalen“ Leben entkoppelt – oder gibt es etwas, das sie begeistern kann, etwas, das sie berührt? „Es ist interessant, Jugendliche zu Wort kommen zu lassen, etwas zu erfahren über ihre Sehnsüchte, über das, was ihnen im Leben oder in der Stadt fehlt, was sie erhoffen und was Identität schafft“, sagt der aus Berlin stammende und in Husum beheimatete Schauspieler Till Butterbach. Gemeinsam mit Heike Bayer, der Leiterin des Geschäftsbereichs „Bildung und Begegnung für alle Generationen“ beim Diakonischen Werk Husum, entstand die Idee für ein Jugendtheaterprojekt. „Sie hatte die Initialzündung für dieses Projekt, ebenso viele weitere, kreative Ideen“, so der Schauspieler anerkennend und bescheiden. Er selbst habe Überlegungen angestellt, wie dieses Projekt mit Leben zu füllen sei. „Ich bin über ein Hörspiel gestolpert, das zurückgeht auf ein Buch von Dylan Thomas: Unter dem Milchwald.“ (Dylan Thomas war ein walisischer Dichter und Schriftsteller, geb. 1914, gest. 1953, Anm. d. Autorin).
„Ich wollte etwas Eigenes schaffen und ließ mich inspirieren durch alte nordfriesische Sagen, beispielsweise die ‚Sage der Unterirdischen‘“, erklärt Till Butterbach. Er erstellte ein „lockeres“ Skript, einen „roten Leitfaden“ für neun Szenen, die die Jugendlichen mit eigener Lebendigkeit und eigenen Versionen und Visionen füllen können. Es handelt es sich nicht um festgefügte Rollen in einem Schauspiel: Das „Seestück“ ist vielmehr ein Theaterworkshop für Personen ab 14 Jahren, mit viel Spielraum für eigene Ideen. Es nähert sich mit Improvisation dem Thema und lässt dabei komplexe Dynamiken entstehen. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler werden einfühlsam angeleitet von Till Butterbach und seiner Mitstreiterin Maren Peters. In „Seestück“ geschieht Husum auf der Bühne: Mit einem Hafen, einem Bahnhof, mit Straßenkreuzungen, einem Marktplatz, kurz mit Orten, an denen immer und überall skurrile, ergreifende, lustige oder tragische Geschichten entstehen. Die Jugendlichen lassen eine schlafende Stadt erwachen, lauschen dem Wind, hören Stimmen und das Plätschern des Wassers. Sie schreiten durch ihre eigenen Erinnerungen, erfinden Figuren, die von Fernweh erzählen, vom Bleiben und vom Aufbruch, vom Leben mit den Gezeiten. Am Ende kommt die Stadt zur Ruhe, und das Meer unterliegt stoisch seiner archaischen Bewegung von Ebbe und Flut. „Seestück“ enthält chorische Passagen, kurze Dialoge und innere Monologe: aus einem interessanten Konglomerat entsteht ein neuer Text.
„Wir können auf poetische Weise das erzählen, was in uns vorgeht und was uns berührt, wir können ergreifend sein, gerade und erst recht in einem Alter, in dem wir sehr mit uns selbst beschäftigt sind“, sagt Till Butterbach. Insgesamt sind 18 Übungsnachmittage angesetzt, immer mittwochs jeweils von 13:15 bis 15:15 Uhr in der Familienbildungsstätte. Eingeladen zum Mitspielen sind Jugendliche ab 14 Jahre. Der Aufführungsort steht zwar noch nicht fest, doch vor den Sommerferien soll eine erste Werkschau stattfinden. Im Idealfall soll anschließend das Stück „neu“ erfunden und weiterentwickelt werden. „Seestück“ ist ein Experiment, das junge Menschen dazu einlädt, sich mit dem Leben außerhalb der gewohnten Welt zu befassen, kreativ zu werden, sich zu entfalten und eine eigene Sicht auf das Leben in einer kleinen Küstenstadt mit ihren Geschichten zu modellieren. “Ich bringe den Zauberkasten mit – die Jugendlichen entnehmen diesem Kasten die Elemente, die sie brauchen und die ihnen gefallen“, sagt Till Butterbach.
Das Theaterprojekt findet in Kooperation mit der Volkshochschule Husum und der Stadtbibliothek statt und wird mit dem Projektpartner JEP (Paritätisches Bildungswerk Bundesverband) durchgeführt und über „Kultur macht stark“ finanziert. Informationen und Anmeldungen sind unter der Telefon-Nummer der Familienbildungsstätte 04841-2153 möglich.


