Sonja Wenzel
„Etwa 20 Millionen Menschen leben heute in Flüchtlingslagern, unzählige von ihnen sogar schon seit Jahrzehnten. Das Lagerleben ist ihr Alltag geworden. Vor zwei Jahren waren es mehr als 123 Millionen Menschen, die gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Es gibt weltweit rund 500 Lager, die meistens keine Bewegungsfreiheit zulassen und die die in ihnen lebenden Geflüchteten von jeglicher Normalität ausgrenzen. Die Lager entstanden oft unter Zeitdruck und bestehen mittlerweile zwischen 30 und 75 Jahre“, sagte Adelheit Marcinczyk, Geschäftsbereichsleiterin beim Diakonischen Werk in Husum.
Anlass zu diesen eindringlichen Worten war die Eröffnung einer anrührenden Fotoausstellung, deren Bilder im Flüchtlingslager Diavata, etwa 15 Kilometer vom griechischen Thessaloniki entfernt, entstanden sind. Mit den Fotos der Ausstellung können sich Besucherinnen und Besucher im Diakoniezentrum in Tönning, Herzog-Adolf-Straße 7, noch bis Ende Februar während der normalen Öffnungszeiten auseinandersetzen. Es handelt sich dabei um Bilder von Frauen und Kindern, die in einem angegliederten, extra für diese errichteten Schutzzentrum namens „Casa Base“ Mensch sein dürfen, zur Ruhe kommen, Sprachen lernen, musizieren, nähen oder sich sportlich betätigen können. Die Fotos sind in Eigenregie, aber unter der Leitung des Italieners Maurizio Cara entstanden, der auch bei der Schaffung von „Casa Base“ maßgeblich beteiligt war.
Für die meisten Lager gibt es – grob gesagt – drei Möglichkeiten: Entweder sie verschwinden durch gewaltsame Räumung oder sie erhalten Stadtrecht. Sie werden umgestaltet, oder man wartet einfach ab, was passiert und tut in der Zwischenzeit so, als seien sie gar nicht vorhanden. Doris Kratz-Hinrichsen, Landesbeauftrage für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein bei der Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Landtages, leitete früher das Team für Beratung, Zuwanderung und bürgerschaftliches Engagement beim Diakonischen Werk Schleswig-Holstein. „Wir verzeichnen weltweit die höchsten Flüchtlingszahlen seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagte sie bei der Ausstellungs-Eröffnung. In diesem Jahr sollen einheitliche Regeln mit gemeinsamen Standards für Asylverfahren an den EU-Außengrenzen in Kraft treten. Immer mehr Frauen, die vielfach mit ihren Kindern unterwegs sind, kehren ihren Heimatländern und deren unmenschlichen Lebensbedingungen den Rücken und machen sich auf einen gefährlichen und beschwerlichen Weg, um in anderen Ländern endlich Ruhe und annehmbare Existenzgrundlagen zu suchen – und vielleicht auch zu finden, was gar nicht so einfach ist: „Bei uns in Schleswig-Holstein werden diese Menschen in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, um dort mitunter bis zu einem Jahrzehnt zuzubringen. Sie haben kaum die Möglichkeit, irgendwann irgendwo anzukommen; der Wohnungsmangel verschärft dieses Problem“, so Doris Kratz-Hinrichsen. Auch wenn sich viele Lager in Ländern befinden, die uns sorglosen Urlaub bescheren: „Wir müssen hinsehen, auch wenn unsere Außengrenzen für uns weit entfernt erscheinen“, schloss sie.
Über die Verhältnisse im Lager Diavata weiß Wiebke Schümann gut Bescheid: Sie hat dort vor einiger Zeit ein Jahr – schwerpunktmäßig im Rückzugsraum „Casa Base“ – gearbeitet. Sie untermauerte die Fotoausstellung mit zum Teil eigenen Fotos und mit eindrücklichen Zahlen: So sind mittlerweile über 30.500 Personen auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken – hier verläuft die „gefährlichste Außengrenze“ der EU. „Im Lager gibt es nur gelegentlich eine rudimentäre medizinische Versorgung, keinen rechtlichen Beistand, und statt Geld gibt es Sachleistungen. Theoretisch lautet die Forderung, dass ein Lager nicht wie ein Gefängnis aussehen darf, dass unter anderem Kinder niemals Zeugen von Gewaltszenen werden sollen; die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus“, so Wiebke Schümann. Ihre Wirkungsstätte im Lager Diavata war „NAOMI“, eine ökumenische Organisation in Thessaloniki für Geflüchtete, die sich unter anderem für Notfallhilfe, Beratung, Bildung und soziale Teilhabe engagiert und auch eine Textilwerkstatt im „Casa Base“ unterhält. „Die Fotoausstellung zeigt unter anderem den Mut, die Stärke und die psychische Widerstandskraft der Frauen und Kinder, die bereits so viel durchgemacht haben“, betonte Wiebke Schümann. Oftmals werde von den Medien und der Politik Angst geschürt; doch viel wichtiger sei es, Hoffnung und Zuversicht zu befeuern.





