Sonja Wenzel
Ein geselliger Abend, an dem die Kunst im Mittelpunkt steht – das ist seit vielen Jahren die Lesung mit einem Autor oder einer Autorin am Aschermittwoch. Das Diakonische Werk Husum (DW) hatte dieses Mal die Schriftstellerin Tamar Noort (Jahrgang 1976) eingeladen. Sie las aus ihrem zweiten Roman „Der Schlaf der anderen“. Die Moderation übernahm wie immer charmant und geistreich Maria-Theresia Leuker-Pelties. Tamar Noort ist in Göttingen geboren und wuchs in den Niederlanden auf. Sie studierte Kunst- und Medienwissenschaften sowie Anglistik und ist nicht nur Trägerin des Hamburger Literaturpreises 2019; sie erhielt auch mehrere Stipendien. Sie ist bekannt für ihre Dokumentationen, unter anderem für die Sender ZDF, arte und 3sat.
Die traditionelle Aschermittwochslesung ist ein Dankeschön an alle, die die Arbeit des DWs unterstützen. „Unsere Arbeit spiegelt die angespannte Situation der Gesellschaft wider“, sagte Geschäftsführer Jens Grehm in seiner Begrüßung. Einrichtungen wie die Tafeln, Beratungsstellen oder die stationären Wohngruppen verzeichnen eine so große Nachfrage wie selten. Doch die rund 330 Mitarbeitenden sowie die etwa 500 Ehrenamtlichen bringen mit ihrer Arbeit „Sonne ins Leben“, so Grehm. Er dankte der Stadt Husum und dem Kreis Nordfriesland für die finanzielle Unterstützung, aber auch den Service-Clubs, die stets an der Seite der Menschen stehen, für die das Diakonische Werk Anlaufstelle ist. Wie bedeutsam die Einrichtungen des DW sind, zeigt unter anderem das Psychologische Beratungszentrum, das in diesem Jahr auf sein 60-jähriges Bestehen zurückblickt oder die Radstation, die demnächst seit zwei Jahrzehnten wichtige Arbeit leistet.
Tamar Noort, eine sympathische Frau in grauem Kleid mit rotem Umschlagtuch, modellierte in ihrer Lesung das Verhältnis zweier Frauen heraus, die Begegnung einer Nacht, die in der Fülle ihrer Ereignisse so intensiv und, gelinde gesagt „originell“ ist, dass nichts so bleibt, wie es war: Die eine, Sina, die unter chronischer Schlaflosigkeit leidet und im Schlaflabor Hilfe sucht, die andere, Janis, die dort als Assistentin arbeitet und „Fremde im Schlaflabor zu Bett bringt und ihnen beim Schlafen zuschaut“. Unter anderem spielt ein ausrangiertes altes Sofa, das augenscheinlich kein Zuhause mehr hat, eine gewisse Rolle insofern, als die beiden Frauen es im Laufe dieser gemeinsam verbrachten Nacht fortschaffen und im Klassenzimmer der Lehrerin Sina platzieren, wo sie, wenn auch während einer Schulstunde, tatsächlich in Schlaf fällt. Tamar Noort thematisiert vordergründig die Schlaflosigkeit, die jene, die unter ihr leiden, physisch und psychisch zermürben kann, andererseits aber das „Nirgendwo-Platz-für-sich-selbst-haben“, das „Nicht-wissen-wohin-mit-sich“, den fehlenden Rückzugsort und die Suche nach einem inneren Zuhause. Es wird klar, wie sehr der Schlaf instrumentalisiert wird für Effektivität, Produktivität und persönliche Optimierung. „Wir gruppieren die Arbeit um unsere Bedürfnisse herum, die smart watch beispielsweise informiert am nächsten Tag über die Qualität des Schlafs, das ist menschenfern“, so die Autorin. Der Schlaf sei hier eine „subversive Kraft, eine Rebellion im Alltagsbetrieb“, urteilte die Moderatorin. Sina hat viele Orte der Selbstbestimmung, doch richtig frei ist sie nicht, sie befindet sich in einer Art Schein-Freiheit. Sie macht aber sichtbar, wie es ihr geht: es ist so einfach, sich auf das Sofa zu packen und zu schlafen – nicht in einer geplanten Performance, sondern eher als „ich kann nicht anders“. Und was ist mit den Schülerinnen und Schülern, die ihre Lehrerin schlafend vorfinden? „Sie denken über althergebrachte Systeme nach, über Ordnung und Unordnung, beginnen selbstständig zu überlegen und erkennen, welche Elemente im Leben stabilisierend sind und welche nicht“, so Tamar Noort. Wenn Sina also einen Teil der Schulstunde verschlafen hat, so hat sie den Kindern dennoch etwas Wichtiges vermittelt. Und: Was nachts an schrägen Dingen möglich ist, geht tagsüber nicht; doch es ist tröstlich und Hoffnung spendend, dass immer wieder ein neuer Tag anbricht. „Es ist ein Buch, das nicht akademisch und nicht verkrampft ist und das ein warmes Gefühl vermittelt“, sagte Maria-Theresia Leuker-Pelties. Das lesende Publikum sollte sich getrost mit Sina und Janis und ihrer gemeinsamen Geschichte befassen – gleichgültig, ob unter Schlaflosigkeit leidend oder nicht. Einen warmen Dank erhielten die beiden Assistentinnen Hanna Diallo und Annika Leese für die Organisation des Abends. Jens Grehm zollte auch dem Küchenteam des Christian-Jensen Kollegs große Anerkennung, das für die anschließende Verpflegung sorgte.


