Sonja Wenzel
Möglicherweise ist es keineswegs ein „Selbstgänger“, geduldig an einer Straßenecke zu stehen, die Passanten an sich vorbeiziehen zu lassen, Wind und Wetter auszuhalten und dabei ein Straßenmagazin zu verkaufen. Möglicherweise erfordert gerade diese Aufgabe mehr Rückgrat als manche andere, offenbart sie doch eine besondere Lebenssituation. Die Gelegenheit, diesen Gefühlen und inneren Fragen hinterherzuspüren, hatten unlängst Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Wirtschaft. Im Rahmen des Veranstaltungsprogramms zum 30-jährigen Jubiläum des Straßenmagazins „Hempels“ hatten sich Pastorin Heike Braren, die Geschäftsführerin des Unternehmensverbandes Westküste, Doris Ipsen, Bürgermeister Martin Kindl und Landrat Florian Lorenzen bereit erklärt, zwei der regulär gemeldeten Verkäufer während ihrer Tätigkeit „im Tandem“ eine halbe Stunde zu begleiten.
Doris Ipsen und Florian Lorenzen unterstützten Rafael Slavomir aus der Slowakei vor den Toren eines großen Supermarktes an der Husumer Peripherie. Slavomir ist seit dem Sommer „Hempels“-Verkäufer. Er versieht diese Arbeit mit großer Freude. „Dies ist mein Stammplatz“, erzählt er. „Ich komme gern mit dem Menschen ins Gespräch. So kann ich noch mehr die deutsche Sprache üben. Es sind gute Leute hier.“ Treue Begleiterin ist die knapp zweijährige Hündin „Sejma“. Wenn alles gutgeht, wird sie demnächst sogar einen eigenen, speziellen „Verkaufs-Ausweis“ haben – freilich nur als Gag. Martin Kindl und Heike Braren waren in der Stadtmitte unterwegs und assistierten dem seit 15 Jahren „altgedienten“ Verkäufer Hans Linke, der aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken ist. Nach einem Bruch in seinem Leben verschlug es Linke nach Husum. Bekannte machten ihn auf die Möglichkeit des Magazin-Verkaufs aufmerksam. Mit ganzer Seele ist er bei seiner Aufgabe: „Die kleinen Unterhaltungen mit den Menschen oder ein Gruß sind sehr wichtig für mich“, sagt er. Den Tandemverkäufern und -verkäuferinnen wurden ein paar Fragen gestellt über ihre besondere, „befristete“ Tätigkeit.
Warum haben Sie sich entschieden, an dem heutigen „Tandem“-Verkauf teilzunehmen?
Doris Ipsen: „Weil ich gern unterstützen und auf das Projekt ‚Hempels‘ aufmerksam machen möchte. Erst wenn man etwas selbst getan hat, kann man mitreden und nachempfinden, wie sich das anfühlt.“
Florian Lorenzen: „Es ist wichtig ein Zeichen zu setzen und diese Arbeit zu unterstützen. Ich hoffe, ich kann dazu beitragen, dass das Magazin von noch mehr Menschen gekauft wird.“
Heike Braren: „Mich reizt die neue Erfahrung. Die ‚Käuferseite‘ kenne ich – jetzt möchte ich die andere kennenlernen!“
Martin Kindl: „Das Projekt ‚Hempels‘ ist eine großartige Sache, der Verkauf eine wertschätzende Tätigkeit in der Öffentlichkeit. Ich beteilige mich gern daran.“
Wie fühlen Sie sich gerade?
Doris Ipsen: „Ich bin erwartungsvoll auf die Gespräche mit den Passanten und darauf, wie sie reagieren.“
Florian Lorenzen: „Ich freue mich auf neue Hinweise und Einblicke und hoffe, aus diesen Erfahrungen etwas mitnehmen zu können.“
Heike Braren: „Es ist eine ungewohnte Situation – ein bisschen gespannt bin ich schon!“
Martin Kindl: „Ich fühle mich gut dabei, Hans Linke im Verkauf auf der Straße zu unterstützen. Die Situation ist schon besonders, auch wenn das Bürgermeisteramt Öffentlichkeit erfordert.“
Verlangt Ihrer Meinung nach diese Aufgabe einen ganz besonderen Respekt?
Doris Ipsen: „Ja – sie verdient besonderen Respekt, da sie eine bestimmte innere Haltung, Kraft und Mut erfordert. Der Verkauf ist Arbeit, eine Dienstleistung, die einen großen Wert darstellt.“
Florian Lorenzen: „Ich habe großen Respekt vor dieser Aufgabe, da sie Eigeninitiative erfordert. Es ist bewundernswert, dass die Verkäufer bei Wind und Wetter ihre Arbeit versehen und immer geduldig und freundlich sind!“
Heike Braren: „Ich hege große Anerkennung für die Ausdauer der Verkäufer. Auch das Magazin selbst verlangt großen Respekt, denn es offenbart eine Lebenswirklichkeit, in die man normalerweise nur sehr wenig Einblick hat.“
Martin Kindl: „Es ist wertzuschätzen, dass es Menschen gibt, die die Aufgabe des Verkaufs übernehmen. Es ist eine wirtschaftliche Tätigkeit, die Einkommen beschert und fast wie ein kleines, selbstverantwortliches Unternehmen zu werten ist. Auch das verdient großen Respekt.“
Was ist die wichtigste Erfahrung aus Ihrer heutigen Beschäftigung mit dem „Hempels“-Verkauf?
Doris Ipsen: „Die wichtigste Erfahrung ist: Wie wird man als Verkäufer oder Verkäuferin wahrgenommen? Ein Lächeln, ein kurzer Gruß, schon der Blickkontakt ist bedeutungsvoll für die Wahrnehmung als Mensch.“
Florian Lorenzen: Es gehört eine große Portion innere Kraft zu dieser Aufgabe. Die Beschäftigung mit dem heutigen Verkauf beschert neue Einblicke in eine andere Wirklichkeit. Die Erfahrungen daraus sind möglicherweise für die Arbeit im Kreis Nordfriesland verwertbar.“
Heike Braren: „Ich kann mich noch besser in die Menschen, die diese Arbeit versehen, hineinfühlen.“
Martin Kindl: „Ich sehe was es bedeutet hier zu stehen – dass Mut, innere Stärke und Selbstbewusstsein dazu gehören!“
Wie bewerten Sie das Ziel „Wohnungslosigkeit bis 2030 beenden“, wie es z. B. von der Bundesregierung im Nationalen Integrationsplan formuliert wurde?
Florian Lorenzen: Das ist ein begrüßenswertes Ziel, aber auch ein sehr ehrgeiziges. Wir im Kreis Nordfriesland versuchen, unseren Beitrag zu leisten, indem wir den mittelfristigen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum im gesamten Kreisgebiet analysieren lassen, damit unsere Kommunen und die Wohnungsbaugesellschaften auf verlässlicher Datenbasis Planungen anstellen können. Zudem unterstützen wir die Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werkes Husum sowie WohnEck Nordfriesland gGmbH, die bereits vielen wohnungslosen oder von Obdachlosigkeit bedrohten Menschen weiterhelfen konnte.
Heike Braren: Das ist ein gutes und wichtiges Ziel. Es wird schwer zu erreichen sein, da der Mangel an Wohnraum vor allem die Menschen trifft, die von Armut betroffen sind.



