Seit wann arbeitest du in dem Projekt Rollende Hilfen? Was hast du vorher gemacht?
Ich bin seit dem 1. Mai 2024 im Diakonischen Werk Husum tätig, seitdem auch im Projekt „Rollende Hilfen Eiderstedt“. Davor habe ich 20 Jahre im psychiatrischen Bereich gearbeitet und Erfahrungen sammeln können, sieben Jahre davon im suchtpsychiatrischen Bereich. Die Klientel ist mir daher nicht fremd gewesen. Allerdings ist es natürlich ein gravierender Unterschied, die Klient*innen im klinischen Kontext für einen begrenzten Zeitraum zu begleiten oder in ihrem Lebensalltag. Durch die niedrigschwellige, aufsuchende Tätigkeit bin ich eigentlich immer der „Gast“. Kein Tag ist wirklich planbar. Viele Faktoren beeinflussen die Zuverlässigkeit der Klientel, was die Stimmung, Einhaltung von Terminen sowie die Zielplanung betrifft.
Wo bist du unterwegs?
Ich bin im Raum Eiderstedt unterwegs. An zwei Tagen in der Woche fahre ich in die Notunterkünfte in St. Peter-Ording und Tönning. Dort bin ich Ansprechpartnerin für verschiedenste Belange, unterstütze bei der Wohnungssuche, bei Fragen bezüglich Antragsstellungen oder Bezügen von Transferleistungen, oder bei der Anbindung an unterschiedliche Angebote (Suchthilfe, Schuldnerberatung, Psychologisches Beratunsgzentrum, Pflegestützpunkt, etc.).
Was gefällt dir besonders gut an deinem Aufgabenbereich?
Sehr wichtig sind die persönlichen Kontakte. Thematisiert werden persönliche Probleme, Perspektivlosigkeit, Einsamkeit. Da ist es ebenso wichtig durch ein Gespräch für einen Moment auf andere Gedanken zu kommen, zu lachen und sich als Mensch wahrgenommen zu fühlen. Schon öfters haben sich Bewohnende mit Tränen in den Augen dafür bedankt. Dafür, dass ihnen zugehört wurde, dass sie ein Stück aus ihrem Leben erzählen durften. Das sind so „kleine, aber große“ Momente, die mich wirklich berührt und mir die Wichtigkeit dieser Arbeit gezeigt haben.
Welche Erfahrungen haben dich bis jetzt besonders geprägt?
Es gab letztes Jahr im August einen Bewohner im Rentenalter im Obdach, der sehr problembehaftet war. Er musste seinen Hof aufgeben und hatte dadurch das Gefühl, dass alles wofür er gearbeitet hat, plötzlich nicht mehr da war. Dadurch ist er schwer depressiv geworden und hatte sich schon aufgegeben. Durch das Andocken ans Psychologische Beratungszentrum und die Schuldnerberatung hat er aber wieder Fuß gefasst und Vertrauen in sich und sein Umfeld zurückgewonnen. Er hat dann in einem anderen Bundesland ein Mietverhältnis gefunden und konnte dort neu anfangen. Zum Jahreswechsel hat er Kontakt zu mir aufgenommen und sich bedankt. Das Loch im Obdach ohne Fenster sei dazu da gewesen, um sich in seine Depression zurückzuziehen, aber er ist sehr dankbar und froh, dass er dort nicht sterben müsse. Das hat mich sehr bewegt.
Wer sind deine Netzwerkpartner und wie klappt die Zusammenarbeit?
In meinem Arbeitsalltag sind meine wichtigsten Netzwerkpartner die Mitarbeiter*innen des Ordnungsamtes Eiderstedt. Hier findet engmaschiger Austausch statt. Aber auch mit dem Sozialzentrum Tönning, der Polizei auf Eiderstedt, dem Pastorenehepaar Golz und anderen Institutionen arbeite ich, je nach Bedarf, mal mehr, mal weniger, aber immer sehr gut zusammen. Der Austausch zu Kolleg*innen des Diakonischen Werkes ist ein weiterer Punkt, der in meiner täglichen Arbeit sehr wichtig ist, und den ich, von Beginn an, als sehr wertschätzend und unbedingt bereichernd empfinde.
Was müsste sich deiner Meinung nach verändern, damit das Ziel erreicht werden könnte, Wohnungslosigkeit bis 2030 abzuschaffen?
Das ist eine gute Frage. In jedem Fall muss es politisch gewollt sein. Nur dann können, meiner Meinung nach, verschiedene Maßnahmen formuliert werden, die dann gleichzeitig und konsequent umgesetzt werden müssen. Der soziale Wohnungsbau müsste massiv ausgebaut werden, bestehender Leerstand sollte genutzt werden. Ich denke da
z. B. an leerstehende Hotels oder Büroräume. Die Nutzung von Immobilien als Ferienunterkünfte sollte der Region angepasst / reguliert werden (wird auf Eiderstedt besonders deutlich). Die Mietobergrenzen sollten reguliert werden. Prävention muss gestärkt werden. Ein richtig gutes Beispiel hierfür ist das Projekt „4 Wände, 1 Dach“ des Diakonischen Werkes. Dadurch können Zwangsräumungen verhindert, Menschen in prekären Verhältnissen unterstützt und beraten werden. Die Regelsätze von Wohngeld sollten überprüft werden. Ein guter Ansatz für den Abbau der Wohnungslosigkeit wäre der Housing-First Ansatz, auch „rapid-re-housing“ genannt. Bekannt ist dieser Ansatz besonders aus Finnland. Das Bereitstellen von Wohnungen ohne therapeutische Auflage oder Bedingungen bietet eine Alternative zum herkömmlichen System von Notunterkünften. Studien zufolge verringert sich die Wohnungslosigkeit bis zu 30 %. Dadurch könnte an Notunterbringungen eingespart werden. Der Alkoholkonsum verringert sich, ebenso sinkt die Kriminalitätsrate, die Bereitschaft zur Veränderung steigt. Über allem steht für mich allerdings die Entstigmatisierung dieser Klientel als gesellschaftliche und politische Verantwortung.
Die Rollenden Hilfen auf Eiderstedt werden gefördert durch das Amt Eiderstedt und die Stadt Tönning.
Tag der Wohnungslosen Menschen 2025: Am 11. September findet erneut der bundesweite Tag der wohnungslosen Menschen statt, der in diesem Jahr unter dem Motto „Politik in die Pflicht nehmen – Wohnungsnot beenden“ steht. Die BAG Wohnungslosenhilfe e.V. möchte gemeinsam mit allen Trägern ein starkes Zeichen gegen Wohnungsnot und für soziale Gerechtigkeit setzen. Aktuell sind über 600.000 Menschen in Deutschland ohne eigene Wohnung. 45 % der unter 25-jährigen sind ohne eigenes Einkommen.

