Sonja Wenzel

Die Story ist schön und einmalig zugleich, und auf jeden Fall ist sie wahr: Anlässlich des 30-jährigen Bestehens der im Diakonischen Werk Husum angesiedelten „Beratungsstelle für Wohnungslose“ waren Jerome Rieper und Andreas Kolvitz nach Husum gereist, um über ihre gemeinsame Geschichte zu sprechen. Diese beiden jungen Männer, deren gesellschaftlicher Kontext unterschiedlicher nicht hätte sein können, haben diese ihre Geschichte mit dem Buch „Zwei neue Leben“ in schriftliche Form gegossen: Jerome, ein vielbeschäftigter Immobilienmakler – eher sogar ein typischer „Workaholic“ – mit Wohnsitz in Berlin und Schleswig-Holstein, lernt in Berlin per Zufall den wohnungslosen Junkie Andreas kennen. Trotz aller Unterschiede begegnen sie sich auf Augenhöhe, und Jerome gestattet Andreas, seine Berliner Wohnung zu nutzen, derweil er selbst sich in Schleswig-Holstein aufhält.

Es hätte auch „Vabanque-Spiel“ sein können – doch die Sache geht gut, mehr noch: Andreas behandelt die Wohnung seines neuen Bekannten mit großer Sorgfalt und Umsicht. Das geschah vor einigen Jahren; mittlerweile hat Andreas eine eigene kleine Wohnung, ist „clean und trocken“, kümmert sich um „Spike“, einen aufgeweckten Hund, und er hat wieder Kontakt zu seinen beiden erwachsenen Kindern. Auch das Leben von Jerome hat sich gründlich gewandelt. Der früher glatt durchgestylte Immobilienmakler mit einer 90-Stunden-Woche in „Schlips und Kragen“ und ohne Privatleben, führt heute ein glückliches Dasein als Mitarbeiter in einem „Notfall-Callcenter“ und mit einer Lebenspartnerin.

„Nach 20 Jahren auf der Straße war es die erste vernünftige Wohnung, die mir Jerome zur Verfügung stellte. Ich fühlte mich endlich in Sicherheit. Für viele Menschen ist man als Obdachloser nur Dreck, es ist jeden Tag ein harter Kampf“, drückt es Andreas drastisch, aber griffig aus, der sich in Berliner Heimen für wohnungslose Menschen leider nur zu gut auskennt. „In den Unterkünften wirst du oft beklaut oder bedroht – die Gesellschaft kannst du dir nicht aussuchen. Da ist es oftmals besser, draußen zu pennen.“ Zunächst habe er Jerome nicht recht über den Weg getraut und befürchtet „wenn er wieder nach Berlin zurückkehrt, ist alles aus“: Doch Jerome will gemeinsam mit Andreas weitermachen, ohne Gegenleistung und rein menschlich, ihn vom dauerhaften Entzug überzeugen, was nach vielen zermürbenden Anläufen und Fehlschlägen tatsächlich gelingt: Ein steiniger Weg, für beide Beteiligte eine schwierige Situation mit gewaltiger Energie und Dynamik, wobei manchmal beide Augen zugedrückt werden müssen, wenn sich konkreter Erfolg einstellen soll.

„Wie kann die Gesellschaft besser gemacht werden?“ – So habe der Aufruf eines renommierten Presseorgans gelautet, erzählt Jerome, und er habe die gemeinsame Geschichte erzählt. So sei zunächst ein Podcast entstanden, aus dem sich dann die Idee zum Buch entwickelte, einem Buch, das letztlich von einem Ghostwriter geschrieben wurde. Aus dem Buch lasen passagenweise Jens Lösche sowie Verena Wend vom Freundeskreis der Bahnhofsmission. „Wir sind durch eine Freundin auf das Buch aufmerksam geworden“, sagte sie. Auch Geschäftsbereichsleiterin Adelheit Marcinczyk, die den Abend einfühlsam und dezent moderierte, pflichtete bei, sie habe das Buch mit großem Interesse „verschlungen“.

„Unsere Geschichte ist eine fortlaufende Entwicklung.“ Andreas habe zur Festigung seiner Gesundheit noch einige Hürden zu nehmen, so Jerome. Die beiden leben heute in unmittelbarer Nachbarschaft in einer Gemeinde in Mittelholstein. Zugegeben: Die gemeinsame Geschichte ist bis hierher keineswegs alltäglich, sondern eher ein Einzelfall. Nicht alle Menschen können es schaffen, sich aus ihrer Welt so weit heraus zu begeben und ohne „Netz und doppelten Boden“ in eine völlig andere, fremde und sicher auch gefahrvolle Welt zu treten. Dieser ungewöhnliche gemeinsame Lebensweg zeigt aber auch, dass Mut, persönliche Stärke und innere Größe grundlegende Wandlungen bewirken können.

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